democratia, quo vadis

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Lasst uns für einen kurzen Moment die aktuellen US-Wahl-Ergebnisse ignorieren und über das aktuelle Weltgeschehen nachdenken. Es gibt da ein paar Krisenherde, die eine Lösung bedürfen:

  • Syrien und isis (Flüchtlinge, Stellvertreter Krieg) *1
  • Europa und Europa (GB, Ungarn)
  • Der Euro und die Wirtschaftsmärkte
    einige weitere, die gerne in Vergessenheit geraden, wie:
  • Taliban in Pakistan und Afghanistan
  • Jemen
  • Philippinen
  • Afrika (Sudan, Darfur, Nigeria, Kongo) *2

Nun, diese ganzen Krisenherde mal zur Seite geschoben, haben wir noch ein viel größeres und viel dringenderes Problem zu bewältigen: den Klimawandel. Da ich oft bei meinen Gegenübern mit dem Begriff auf Unverständnis stoße, eine kurze Erläuterung:
Stellt euch vor, ihr lebt in einem netten, kleinen Tal in den Bergen und es ist Winter. Die große Gefahr im Winter in den Bergen sind Lawinen - eine zerstörerische, unaufhaltsame und meist sehr tödliche Gewalt. Nun stellen wir uns vor, dass wir ganz oben einen kleinen Schneeball sehen. Dieser Schneeball rollt auf das Tal zu und wird immer, immer schneller. Wir wissen, dass dieser Schneeball zu einer Lawine werden wird. Das Problem ist, dass wir ihn nicht einfach so aufhalten können und gleichzeitig wissen wir, dass je länger wir warten oder zum Aufhalten brauchen, desto mehr wird die Lawine unser Dorf zerstören und weniger überleben. Das Zeitfenster in dem wir also effektiv was machen können wird kleiner und kleiner.
Diese Lawine ist der Klimawandel und die Menschheit das Dorf. Dabei ist ein großer Verständnisfehler zu glauben, dass mit dem Klimawandel auch die Erde untergeht. Tatsächlich hat dieser Felsbrocken im All schon einige Klimawandel vollzogen – nur die Lebewesen auf ihm haben es nicht so gut vertragen*3 .

Und jetzt zurück zur Wahl: Trump hat gewonnen. Aber warum hat Trump gewonnen? Warum wurde er trotz seines mehr als fragwürdigen Wahlganges gewählt? Nach einigem Überlegen besteht meine Antwort aus drei Begriffen: Globalisierung, Freiheit und Medianwähler.

Globalisierung

Die Globalisierung beeinflusst seit circa 1991 unser Leben. Im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass das Model, aus dem die Globalisierung entwachsen ist auf der freien Marktwirtschaft *4 basiert. Und das Motto der freien Marktwirtschaft ist, dass das Kapital wachsen muss. Das Kapital wächst durch Zins und da Kapital das Gegenstück zu der Arbeitsleistung ist, muss der Output der Arbeit steigen *5 . Sonst funktioniert das ganze System nicht (mehr). Um den Output zu steigern, müssen die Standards steigen. Standards? Ein Beispiel: Hatte man vor 20 Jahren einen wichtigen Geschäftstermin und auf dem Weg dorthin einen Unfall, so gab es nur schwer eine Möglichkeit den Geschäftspartner zu erreichen und ihm das Warten und damit seinen Produktivitätsverlust (Warten = unnötige, verschwendete Zeit = Kapitalverlust) zu ersparen. Heute kann ich mein Handy zücken und der Geschäftspartner spart sich das ungewisse Warten. Zack Produktivität erhöht. In Zukunft fahren die Autos automatisch. Zack keine Unfälle, zack kein verpasster Termin, zack mehr Produktivität = mehr Output.

Standards wiederum bedeuten durch ihre Standardisierung von Abläufen und Regeln für uns mehr Stress (Beispiel: Behörde) und weniger Freiheit (Beispiel: Ampeln, ohne wäre der Verkehr langsamer und damit Produktivitätsverlust). Weniger Freiheit wiederum ist etwas, das der Freiheitsliebende, Waffen besitzende Amerikaner mit Südstaatenflagge nicht so gerne hört *6 . Praktisch besitzen laut Schätzungen nur 1/8 der Amerikaner Waffen, aber so viele Waffen, wie es insgesamt Amerikaner gibt...

Globalisierung bedeutet aber noch etwas Anderes: Eine komplexere werdende Welt. Und hier liegt der Hund tatsächlich begraben: Verlierer der Globalisierung. Denn es gibt wirklich einige, die durch die Globalisierung verloren haben, verlieren und verlieren werden. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass dies die Unterschicht betrifft, da diese durch fehlende Bildung einfache Arbeit vollbringt und diese wiederum unterliegt den größten Veränderungen. Tatsächlich aber hat in den USA nicht die Unterschicht Trump gewählt, sondern die „Mittelschicht“.

Populismus

Was nun? Antwort: Populismus *8 . Wie das Wort schon sagt, funktioniert Populismus am Besten, in dem man auf Probleme mit komplexen Zusammenhängen, eine primitive Lösung bietet. Diese Lösung sieht seit ein paar Jahren ganz einfach aus: Lügengresse.
Einfach? Mit Nichten *9 ! Was die „Wör sönd dös Vöölk [sächsisch]“-Rufern *10 , Trump Wählern, Brexit Verteidiger, sowie Erdogan- und Le Pen-Anhängern *11 vereint, ist die „Kritik“ an der vierten Gewalt in unserem Demokratie-System. Die eigentliche Aufgabe der Medien ist bei Fehlverhalten *12 dem Volk Einfluss über die von ihm legitimierten Organe der Staatsführung zu geben. Das Problem: Die von der Globalisierung *13 geschüttelte vierte Macht ist in ihrem eigenen Wirkungsgefüge gefangen. Dieses lautet: Gebt dem Kunden das, was er hören möchte, sonst sind wir pleite *14 .

Doch wie kommt es eigentlich, dass Menschen mit genügend Bildung (theoretisch), diesen Populisten verfallen? Die Antwort: Filterblase. Dank Globalisierung suchen sich diese (den Medien nicht vertrauenden Wesen) in dem am wenigsten vertrauenswürdigem Medium (Facebook) ihre Informationsquellen zusammen *15 . Das viel größere Problem dabei: Facebook-Gruppen ermöglichen es denen immer tiefer in ihre Filterblase einzutauchen und nach kurzer Brainwash-Phase resistent gegen andere Meinungen zu werden. Und Tada, wir haben das Postfaktische Zeitalter *16 erreicht. Traurig hierbei: Durch den permanenten Hass der einem gegenüber einer anderen Person (oder Gruppe) *17 gezeigt wird, werden diese Menschen auch resistent gegen Logik. Da stellt sich tatsächlich die Frage in wie weit Bildung für diese noch relevant ist.
Und da sind wir an dem Punkt, der viele Vernunftbegabte zur Weißglut bringt: Plötzlich werden Meinungen als Tatsachen hingestellt und es lässt sich dem nicht mal mehr mit Fakten entgegentreten *18 .

Demokratie ist, eine sehr große und schwere Kugel auf einer sehr knappen Spitze zu balancieren.

Demokratie ist, eine sehr große und schwere Kugel auf einer sehr knappen Spitze zu balancieren.

Demokratie

Wir nähern uns dem Knackpunkt: Unsere demokratischen Systeme sind wirklich sehr fragil. Dabei wurde unser kostbares Gut die Demokratie durch viele, viele Kriege, Tote, Schmerzen und Leid erkämpft. Ein paar Beispiele? Bitte: *19

  • Rebellion in England -> Magna Charta, entscheidender Wendepunkt um Freiheit zu etablieren *20
  • 30-jährige Krieg -> Westfälischer Frieden, Freiheit des Glaubens
  • Französische Revolution -> Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit -> Demokratieverständnis
  • Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg -> Unabhängigkeitserklärung, modernes Demokratieverständnis
  • 1. Weltkrieg -> Konzept der Vereinten Nationen und der Europäischen Nation
  • 2. Weltkrieg -> Genfer Konvention, Menschenrechte, UN
  • Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen
  • Kalter Krieg -> neues Verständnis von Freiheit, Globalisierung
  • Terrorismus -> ???

Nach all dem Leid könnte man sich also fragen, warum unsere Demokratie, die jedes Mal sehr robust konstruiert wurden, so fragil sein sollen. Die Antwort findet sich im Medianwählermodell *21 (Theorie bitte!):

Das Modell lässt sich ganz schnell erklären. Und zwar kommt es bei einer Abstimmung *22 immer dazu, dass es eine Stimme gibt, die genau die entscheidenden Prozente von A und B trennen. Diese Stimme entscheidet also darüber, ob A oder B gewählt wird und damit dessen Politik gemacht wird.
In der Regel befindet sich diese Stimme in der Mitte der Parteienlandschaft und damit ist der Median-Wähler ebenfalls in der politischen Mitte angesiedelt. Tatsächlich versuchen die Parteien wiederum immer den Median-Wähler zu beeinflussen und damit das entscheidende Zünglein auf der Waage für sich zu gewinnen. Bekommt nun durch eine externe Kraft der rechte Rand „fahrt auf“, dann verschiebt sich diese entscheidende Stimme ebenfalls nach rechts und damit der zu beeinflussende Median-Wähler. Kurz gesagt: Trump konnte nur dank der Tea-Party solch eine Sprache an den Tag legen und gleiches gilt auch für CDU/CSU. Alle wären bei ihren „Vorschlägen“ und ihrer Wortwahl vor 5-15 Jahren noch bei lebendigem Leibe gegrillt worden.

Darauf Aufbauend lautet die Antwort allerdings auch, dass uns *23 der Wert des Gutes Freiheit nicht bewusst ist. Dieser wird uns erst bewusst werden, wenn wir unsere Freiheit verloren haben. Das wiederum bedeutet, dass unser fragiles Demokratie-System zerstört wäre und damit unsere Gesellschaft irreversibel zerbrochen.

Final kommen wir zum Klimawandel zurück: Wie schon vorhin (oben) aufgefallen sein dürfte, ist der Klimawandel das Damoklesschwert über unserer Generation (und das aller zukünftiger). Es benötigt eine möglichst rasche und allumfassende Lösung. Da dank der Globalisierung alle miteinander verbunden sind *24 werden wir diese Lösung wiederum nicht bekommen, so lange wir nicht gemeinsam etwas tun.  Und für dieses Gemeinsam brauchen wir wiederum eine Abkehr der Postfaktischen Gesellschaft. Und, deswegen auch die Auflistung „aktueller Probleme“, eine rasche Lösung dieser.

Nun, was ist die Lösung dieses ganzen Dilemmas? Meine Antwort: Ich habe keine.

Wir sind eine globale, planetare Gesellschaft geworden. Das bedeutet, wenn diese Gesellschaft zusammenbricht ... sie ist allein.
— Harald Lesch

Ich weiß nur dank Harald Lesch *25 , dass unsere beste Zeit vorbei sein könnte. Das wiederum bedeutet, dass wir eine multiplanetare Gesellschaft werden müssen, da wir sonst alles, was wir mit viel Leid erkämpften, verlieren würden. Und das wiederum wäre in sich ein Versagen, da ironischerweise die Menschheit auf Grund ihrer eigenen Fehler ihre Fühler ausstreckt und nicht wegen ihrer besten Ideale: Gleichheit, Freiheit, Forschungsdrang und dem unendlichen Fragen woher wir kommen.

 

Anmerkungen und Quellen:

*1: DerStandard: „Flüchtlingskrise wäre gänzlich vermeidbar gewesen“
*2: Gemeine Abkürzung, die Liste ließe sich ewig weiterführen
*3: mit kleinen Ausnahmen
*4: der westlichen Welt - Die Zeit: „den Westen könnte es bald nicht mehr geben“
*5: klassischer Fehler vieler. Nicht die Arbeit muss mehr werden, sondern das Ergebnis der Arbeit
*6: fiese Verallgemeinerung, Klischee
*7: Grafik mit der Tabelle über die Wahl nach Einkommen. Quelle: CNN Wahl-Ergebnisse. Die Tabelle lässt sich nicht direkt verlinken, einfach oben nach "income" suchen lassen.
*8: Jup, ganz einfach
*9: Nein, doch, oooh!
*10: Ich lasse die afd hier mal weg, da sie wunderbar zu den Rufern dazu passt
*11: und japanische Nationalisten und und und, aber ich möchte mich hier nur auf den "Westen" beziehen
*12: Bedeutet, wenn die Akteure nicht nach den Werten und Normen der Bevölkerung handeln
*13: Internet, grrr
*14: Das wiederum macht es einfach „Lügengresse“ zu rufen
*15: Diese Informationsquellen sind ironischerweise diejenigen Medien, die das Mantra der Presse am besten befolgen...
*16: Postfaktische Logik
*17: TAZ: Ein Austauschjahr in der US-Provinz - Glaubst du etwa an die Evolution? - sehr aufschlussreicher Artikel, die Englische Version wurde leider entfert
*18:  In welcher Welt ist es möglich die Schöpfungsgeschichte – mit ein paar Büchern als Quellen; gleich der mit harten Fakten und reproduzierbaren Belegen, belegten Urknall-Theorie zu stellen? Oh, ja, stimmt: TV-Duell Billy Nye and Ken Ham
*19: Eine unvollständige, eigene Auflistung
*20: Magna Charta Wikipedia
*21: Medianwählermodell Wikipedia
*22: Das perfekte Abstimmungsverfahren gibt es nicht, sie sind alle fehlerbelastet
*23: seit ihrer Geburt in Freiheit lebende Menschen
*24: Ich möchte klarstellen, dass Globalisierung nichts Böses ist, sondern einfach ein Wirkungsgefüge, dass viele Prozesse beschleunigt hat. Die Prozesse wären trotzdem da und sind durch die Globalisierung teils einfacher, teils schwieriger geworden.
*25: Harald Lesch - Wie wir den Weltuntergang überleben - Zitat aus Minute (3:36)

Weiterführende Links:

- Verständnis ist keine Option
- Schon die Ergebnisse vergessen?
- Harald Lesch: Wo sind die Aliens
-Cover-Bild: Via Unsplash - by Edwin Andrade
- Bild vom Weltall aus: Unsplash - by NASA
- Demokratie-Grafik: Ich weiß, habe ich nicht eine tolle Handschrift ;)

 

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A Student from Karlsruhe, living in Osnabrück right now. 25 Years old and eager to take pictures and learn with each.